„Digitalisierung bedeutet Ängste überwinden“

by Iris
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Horst Kandutsch

Ein Interview mit DI Dr. Horst Kandutsch von softwaregutachten.at.

Der Mann, der täglich mit der Entwicklung der Digitalisierung, sowohl in kleinen Betrieben, als auch im politischen Milieu, zu tun hat, erzählt uns über Hürden, Entwicklung und Chancen der Digitalisierung in Kärnten.

Wir freuen uns heute mit DI Dr. Horst Kandutsch von softwaregutachten.at ein bisschen über die Kärntner Digitalisierungslandschaft philosophieren zu können und uns die eine oder andere Strategie abschauen zu können. Frei nach dem Motto: „Beim Reden kommen die Leut‘ zam“.

 

TheMo:

Wenn man von Digitalisierung spricht, was bedeutet das für ein Unternehmen in der heutigen Zeit digital zu werden?

HK:

Das große Ziel von Digitalisierung ist natürlich, den eigenen Wettbewerbsvorteil zu stärken. Das macht man augenblicklich, sobald man sich in digitale Gefilde begibt. Dies beinhaltet aber meist keinen extremen Unternehmensumbruch, sondern sollte es vielmehr ein schrittweiser Prozess sein – der langsam beschritten wird.

 

TheMo:

Welche Branchen sind, laut deinem Gefühl, am wenigsten digitalisiert?

HK:

Dies ist ganz unterschiedlich. Es gibt überraschenderweise, vielleicht auch aufgrund der guten WKO Kampagne in Richtung Handwerker, sogar Steinmetze, die digital werden wollen oder bereits am Weg dorthin sind. Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie bereits teildigitalisiert sind, in dem sie für ihr Geschäft ein Tablet oder ein Smartphone benutzen, vielleicht sogar schon mit digitaler Unterschrift und einem online Kalender arbeiten. Nach meinem Erfahrungsschatz würde ich die Lebensmittelhersteller- und Produzenten, als am wenigsten digitalisiert einstufen. Hier herrscht noch einiges an Handlungsbedarf.

„Kopf – Kohle – Knowhow sind die Hindernisse der Digitalisierung“

TheMo:

Wenn ein Unternehmen zu dir kommt, das vielleicht auch schon teildigitalisiert ist, was sind die größten Hürden für diese Unternehmen?

HK:

Ich würde es mit vollen Köpfen beschreiben: Kopf – Kohle – Knowhow sind die Hindernisse der Digitalisierung. Geglaubt wird, dass es unglaublich teuer ist. Bei zielgerichteter Beratung muss das nicht sein. Das wirkliche Problem ist der volle Kopf des Unternehmers oder der Unternehmerin. Fokus liegt am Kerngeschäft, dazu kommt das Privatleben. Das Unternehmen hat gewisse Abläufe bereits digitalisiert und hat eine Homepage, einen Webshop etc. Demjenigen etwas anzubieten, bedeutet ihm dann auch die Angst nehmen, dass er sich jetzt total umstellen und umstrukturieren muss. Es gilt zu zeigen, dass es jetzt vielleicht drei bis vier Stunden Aufwand und Konzentration sind, die dann aber wöchentlich oder sogar täglich eingespart werden können. Die Kosten relativieren sich dann dementsprechend auch.

Digitalisierungsindex, ist ein berechneter Wert, der das Unternehmen beleuchtet, wie weit es digitalisiert ist. Experten können vor allem mit diesen Werten ansetzen und in kleinen Schritten die Digitalisierungsmöglichkeiten planen. In Kärnten liegt der Index bei durchschnittlich 27%.

 

TheMo:

Wenn ein teildigitalisiertes Unternehmen zu dir kommt, das vielleicht schon eine kleine Homepage und eine Facebookseite hat. Nehmen wir als Beispiel eine Friseurin her, was sind die ersten Schritte in die Digitalisierung?

HK:

Da ist in jedem Fall ein sehr individueller Zugang notwendig. Wichtig sind hier nähere Informationen zum Kunden. Wir haben einen Digitalisierungsindex von 27% in Kärnten; Friseure sind auch noch unter diesem nicht besonders guten Wert. So eine Kundin hatte ich gerade. Hier riet ich der Friseurin zum Beispiel zu einem digitalen Kalender, den man später sogar mit der Homepage synchronisieren könnte. Es ist nicht sinnvoll alles auf einmal zu machen, da die Angst des Machtverlusts durch diese Offenlegung entstehen könnte. Auch die Angst zu transparent vor dem Finanzamt zu sein wäre wahrscheinlich ein Thema und auch die Problematik der Stornobuchungen müsste mit eingerechnet werden. Ich würde ihr zum digitalen Kalender raten, so hat sie auf dem Tablet die Übersicht und später bei Synchronisation mit der Homepage könnten auch kurzentschlossene Kunden sehen, ob und wann ein Termin frei ist, diesen Termin dann auch gleich buchen!

„Man muss sich auf diese Dinge schon auch einlassen.“

TheMo:

Zurück zu den Hindernissen. Die Angst davor Kontrolle „scheinbar“ abzugeben, ist in deinen Augen eine große Hürde im Thema der Digitalisierung?

HK:

Ängste sind mannigfaltig, es herrschen ganz unterschiedliche Attitüden vor. Wir haben Gründer, die sich als erste Amtshandlung ein Firmenhandy zulegen, um es um 18 Uhr abzudrehen. So geht es natürlich auch nicht. Man muss sich auf diese Dinge schon auch einlassen. Wir haben Handwerker, die genau durch ihre Tätigkeit, ihre USP haben und eine Digitalisierung als Bruch mit der eigenen Zunft sehen. Die andere Seite ist, wie bei der Friseurin, die Transparenz der Daten. Wenn meine Termine alle online einsehbar sind, dann ist man auch dem Finanzamt gegenüber vollkommen transparent. Und die Horrormeldungen, zum Thema Datenschutz, spielen nicht gut in unsere Bemühungen zur Digitalisierung von Unternehmen hinein. Meldungen von Hackern, Attacken und betrügerischen Phishingmails tragen nicht positiv dazu bei, dass sich die Menschen auf die Digitalisierung einlassen möchten. Die Kostenfurcht ist zusätzlich nach wie vor einer der größten Hürden. Die erste Frage ist immer „Was kostet es“?

 

TheMo:

Diese Kostenfurcht, die Angst, dass die Digitalisierung mein Unternehmen in den Ruin treibt, ist bei den meisten sehr groß. Auch hier sind die Horrormeldungen im Internet über horrende Summen im Digitalisierungsprozess nicht sehr hilfreich. Wie gehst du bei Neukunden mit diesem Thema um?

HK:

Bei einem seriösen Berater wird ein Stufenplan erstellt und die Stufen werden auch beziffert. Wenn wir hier wieder die Digitalisierungsskala hernehmen, schauen wir, wo steht der Kunde und was kostet das nächste Level – natürlich zeigt sich hier dann auch was an Einsparung freigesetzt wird! Digital zu werden ist eben ein Prozess, wo die Kosten auch gestaffelt sein sollten und nicht einmalig eine große Summe gar die Liquidität im Geschäftsjahr gefährdet. Der erste Schritt könnte da schon sein, ein besseres Handy zu kaufen und die ein oder andere hilfreiche Unternehmer-App zu integrieren.

 

TheMo:

Wie siehst du die Möglichkeit, dass Unternehmen die Digitalisierung ohne Expertenhilfe vorantreiben können? Sollte man für jeden Digitalisierungsschritt einen Profi zu Rate ziehen oder kann man auch in Eigenregie Schritte setzen?

HK:

Dabei kommt es auf den jeweiligen Menschen an. Wir haben eine Person des öffentlichen Lebens mit über 70 Jahren, die den Facebook Account selber mittlerweile besser bespielt, als jeder andere in seiner Liga. Das kommt ganz stark auf das Eigeninteresse, auf die Persönlichkeit an. Es braucht, wie in diesem Beispiel schon Experten, um die Einstiegsschwelle in den Prozess zu bewältigen, aber manche Technologien sind mittlerweile sehr anwenderfreundlich!

„Nicht dem nächstbesten vertrauen und glauben“

TheMo:

Wenn über Digitalisierung gesprochen wird, wird auch über DSGVO etc. gesprochen. Wie stehst du zum Thema Sicherheit in der Digitalisierung? Eigeninitiative oder auf jeden Fall alles über Dienstleister und Experten?

HK:

Die DSGVO war in meinen Augen eine große und wichtige Bewusstseinskampagne und hat den Digitalisierungsprozess und den Index wirklich ein bisschen zurückgeworfen. Datenschutz ist wichtig und es liegt auch in der Verantwortung des Unternehmens, dass die Kundendaten so sicher wie möglich verwahrt werden. Da kommt es wieder auf die Seriosität der Berater an. Wenn dem Unternehmer von Anfang an ein sicherer Rahmen gebaut wird, in dem er sich bewegen kann, gibt es hier keine bösen Überraschungen. Kann man die Verantwortung dafür auslagern, ist es sehr gut.

Wenn man bei der Wahl des Beraters nicht vorsichtig ist, kann es sehr teuer werden, zu Datenverlust oder gar Anzeigen kommen!

Es ist sehr hilfreich sich Referenzen einzuholen und sich zu informieren. Über die Qualifikation eines Digitalisierungsberaters, der selbst nur unzureichend digital dargestellt ist, würde ich mir Gedanken machen. Nicht dem Nächstbesten vertrauen und glauben, oft ist eine zweite Meinung gut und gar nicht teuer, vor allem beim Thema Datensicherheit.

 

TheMo:

Siehst du Österreich als Standort, wo wir zum Thema Digitalisierung genug Unternehmen in unserem Land haben? Oder sind außerhalb von Österreich bessere Ressourcen?

HK:

Natürlich bin ich dafür, dass man sich lokal und in Österreich umschaut. Aber es ist auch kritisch zu betrachten, dass zum Beispiel der Breitbandausbau in Ungarn doppelt so weit fortgeschritten ist, wie in Österreich. In meinen 6 ½ Unternehmensjahren war es ein Horror einen lokalen, den Ansprüchen genügenden, Hostinganbieter für mich und meine Kunden in Österreich zu finden. Es scheitert hier an den Ressourcen, die nicht gegeben werden. Das ist eine politische, sogar eine bundespolitische Frage, an der wir sehr stark arbeiten werden müssen.

 

Der kleine Seitenhieb in die Politik, in der DI Dr. Horst Kandutsch von wirtschaftlicher Seite her seinen Beitrag im SWV leistet, ist natürlich berechtigt und sollte zum Denken geben. Wie in vielen Punkten, hätte Österreich die Möglichkeit bessere Leistung zu erbringen, da das Know-How und die richtigen Leute ambitioniert zur Seite stehen würden. Die Wirtschaft und vor allem die EPUs und KMUs müssen wieder mehr mit Schulterschluss arbeiten, um den Digitalisierungsindex in Kärnten nachhaltig zu verbessern. Für Fragen, Wünsche, Anregungen, Kritik und weiteres könnt ihr euch gerne an mich wenden oder Horst Kandutsch auf www.softwaregutachten.at kontaktieren.

TheMo bedankt sich auf jeden Fall für das tolle Gespräch und den Einblick in die Arbeit eines erfahrenen, etablierten Kärntner Unternehmers in der Digitalisierungsbranche.

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2 comments

Kristina 4. April 2020 - 3:46

Sehr interessant!

Reply
Mario 6. April 2020 - 11:35

Danke dir liebe Kristina

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